Gedichte II

Abseits

Es ist so still;die Heide liegt
im warmen Mittagssonnenstrahle,
ein rosenroter Schimmer fliegt
um ihre alten Gräbermale;
die Kräuter blühn;der Heideduft
steigt in die blaue Sommerluft.

********

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
in ihren goldnen Panzerröckchen,
die Bienen hängen Zweig um Zweig
sich an der Edelheide Glöckchen,
die Vögel schwirren aus dem Kraut-
die Luft ist voller Lerchen laut.

********

Ein halbverfallen niedrig Haus
steht einsam hier und sonnbeschienen;
der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
behaglich blinzelnd nach den Bienen;
sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

********

Kaum zittert durch die Mittagsruh
ein Schlag der Dorfuhr,der entfernten;
dem Alten fällt die Wimper zu,
er träumt von seinen Honigernten.
Kein Klang der aufgeregten Zeit
drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm )


Mut,Kraft und Glauben

Immer wenn Du denkst es geht nicht mehr
kommt von irgendwo ein
Lichtlein her

Dass Du es noch einmal wieder zwingst
und von
Sonnenschein und Freude singst.

Und leichter trägst des Alltags schwere Last
und wieder
Mut und Kraft und Glauben hast.


Warum

Oft ist das Wort " Warum "
das uns den Tag beschwert,
man wälzt es um und um,
und wird doch nicht belehrt.

Es ist wie eine Wand
davor die Frage steht
es bleibt ewig unbenannt,

weil's da nicht weitergeht !
Marie Luise Bald

Wintermorgen

Ein trüber Wintermorgen war's,
Als wollt es garnicht tagen.
Und eine dumpfe Glocke ward
im Nebel angeschlagen.

Und als die dumpfe Glocke bald,
die einzige,verklungen,
Da ward ein heissres Grabeslied,
Ein einz'ger Vers gesungen .

Es war ein armer,alter Mann,
der lang gewankt am Stabe,
Trüb ,klanglos,wie sein Lebensweg,
So war sein Weg zum Grabe.

Nun höret er in lichten Höhn
der Engel Chöre singen
und einen schönen vollen Klang
durch alle Welten schwingen.

Ludwig Uhland

***********

Der Winterabend

Der Winterabend,das ist dien Zeit
der Arbeit und der Fröhlichkeit.
Wenn die andern nähen,stricken und spinnen,
dann müssen wir Kinder auch was beginnen
wir dürfen nicht müssig sitzen und ruhn,
wir haben auch unsern Teil zu tun.
Wir müssen zu morgen uns vorbereiten
und vollenden unsere Schularbeiten .
Und sind wir fertig mit Lesen und Schreiben ,
dann können wir unsere Kurzweil treiben .
Und ist der Abend auch noch so lang,
wir kürzen ihn mit Spiel und Gesang.
Und wer ein hübsches Rätsel kann,
der sagts ,und wir fangen zu raten an .

( Heinrich Hoffmann von Fallersleben )

************

Winter

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf der Lauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an .
Er scheut nicht süss noch sauer.

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich und Seen krachen
das klingt ihm gut,das hasst er nicht
dann will er sich totlachen.

(Mathias Claudius

Die Frau ist dieOase in der Wüste des Mannes,
der Mann das Kamel in der Oase der Frau.

von Seydlitz

Wenn es Winter wird.

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fest drauf gehen kann,
und kommt ein grosser Fisch geschwommen,
so stösst er mit der Nase an.

Und nimmst du einen KIeselstein
und wirfst ihn drauf ,so macht es klirr
und titscher-titscher-titscher -dirr...
Heissa,du lustiger Kieselstein !

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit auf dem See draussen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schauen durch das klare fenster von Eis
und denken,der Stein wäre etwas zum Essen ;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick,das Eis zu alt,
sie machen sich nur die nase kalt.

Bald,aber bald
werden wir selbst auf leisen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wieder holen.

( Christian Morgenstern )

  Zurück zur Hauptseite